Das Münter-Haus in Murnau: Besuch einer Zeitkapsel

Münter Haus Murnau

Wer vor dem Münter-Haus in Murnau steht, vergisst leicht einmal Zeit und Ort. Umringt von dichtstehenden Laubbäumen befindet sich an der Kottmüllerallee das einstige Zuhause von der expressionistischen Künstlerin Gabriele Münter; ein Haus, das inmitten von fast surrealer Idylle so gar nicht in das typische Stadtbild der Moderne passen will und auch nicht muss, ist es doch ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Hellblaue Holzdielen verkleiden die Außenwand der oberen zwei Stockwerke, das Fundament und Erdgeschoss leuchten in einem bernsteinfarbenen Ockerton. Die äußere Dachkante ist in dem gleichen intensiven Blau lackiert wie die geöffneten Fensterläden – manch einer könnte den Eindruck einer Villa Kunterbunt bekommen, doch stattdessen fügt sich jedes Detail zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Die gepflegten Kieswege, das bunt bepflanzte Rondell vor dem Haus, das bemalte Dach – den Betrachter beschleicht hier schnell das Gefühl, er befinde sich selbst in einem der Bilder, die Gabriele Münter gemalt hat. Wir haben den Sprung in die Welt des Expressionismus gewagt – und uns dazu das Münter-Haus in Murnau ganz genau angesehen.

Ein Ort der Inspiration: Das Münter-Haus als Treffpunkt der Avantgarde

Gabriele Münter kaufte das Haus 1909 und verbrachte zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten Wassily Kandinsky vor allem die Sommermonate in Murnau. Ihr Heim war ein häufiges Motiv, ebenso wie der Ausblick aus dem Fenster auf die alte Kirche und das Schloss, welches heute das Schlossmuseum Murnau ist. Doch das Münter-Haus war viel mehr als nur ein Bildmotiv: Anfang des 20. Jahrhunderts gingen hier die wichtigsten Künstler des Expressionismus ein und aus; es entstand ein Treffpunkt der Avantgarde, der aufgrund seiner Gäste später auch als „Russenhaus“ bezeichnet wurde. Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, August Macke und Franz Marc kamen oft zu Besuch, um sich von der wunderschönen Umgebung des Blauen Landes inspirieren zu lassen. Die Kunstwerke, die währenddessen entstanden, entwickelten sich immer stärker als Gegenrichtung zum zuvor herrschenden Naturalismus. Formen und Motive wurden stark vereinfacht und mit ungemischten Farben gemalt, Konturen wurden deutlich sichtbar gemacht – die naturalistische Darstellung der Welt weichte einer subjektiven Interpretation und die gefühlte Wahrnehmung einer Situation rückte in den Vordergrund. Teil von Münters Werk waren aber auch grafische Werke, Holz- und Linolschnitte. Darüber hinaus hatten sich Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in ihrem Haus überall dort verewigt, wo es möglich war: Sie legten den Garten selbst an und bemalten im Haus Möbel und Wände. In jedem Raum finden sich neue Motive, Farben und Formen, die auf beeindruckende Weise einen sehr persönlichen Einblick in das Leben von Gabriele Münter liefern. Ihre Malerei erscheint so lebendig, als wäre sie eben erst gemalt worden. Ein Teil der erhaltenen Original-Ausstattung ist bis heute im Münter-Haus zu sehen – wer selbst einmal durch die Räume geht, kann das ehrwürdige Erbe bestaunen und den Künstlergeist fast spüren.

Das Blatt wendet sich: Das Münter-Haus im Krieg

Münter und Kandinsky waren Mitglieder der „Neuen Künstlervereinigung München“ (N.K.V.M.), einem Zusammenschluss aus Künstlern, Komponisten und weiteren bedeutenden Persönlichkeiten der Kunstgeschichte. Schließlich führte jedoch ein Zerwürfnis unter den Künstlern dazu, dass sich Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und Franz Marc 1911 von der Bewegung abspalteten, um ihre eigene Vereinigung des „Blauen Reiters“ zu gründen.
Einige Jahre später, zu Beginn des ersten Weltkriegs, floh das Künstlerpaar in die Schweiz – und ließ damit alles zurück, was es sich zuvor in Handarbeit aufgebaut hatte. Nicht zuletzt befanden sich im Haus auch zahlreiche Werke Kandinskys, die später während des zweiten Weltkrieges aufgrund seiner russischen Herkunft als entartete Kunst galten und vom NS-Regime zerstört worden wären, hätte Gabriele Münter sie nicht im Keller des Hauses versteckt. So ist es dem Münter-Haus zu verdanken, dass bis heute ein Großteil der frühen Werke Kandinskys erhalten geblieben ist – ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert für viele Kunsthistoriker und –liebhaber. Die Sammlung dieser Werke hat Gabriele Münter 1957 zusammen mit vielen ihrer eigenen Gemälde der Stadt München zu deren 80. Geburtstag geschenkt; diese sind in Teilen bis heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München ausgestellt.

Home, sweet home – Rückkehr Münters nach Murnau

Münter-Haus in Murnau

1931 zog Gabriele Münter wieder zurück in ihr einstiges Zuhause nach Murnau, an ihrer Seite war der Kunsthistoriker und Philosoph Johannes Eichner. Sie begann erneut mit der Malerei – abstrakte Bilder, aber auch Bleistiftzeichnungen und Stillleben. Schließlich wurde auch sie von öffentlichen Ausstellungen durch die Nationalsozialisten ausgeschlossen, was ihr künstlerisches Leben und Wirken sowie die Bedeutung, die sie bis heute für die expressionistische Kunst trägt, jedoch kein Stück gemindert hat. Nach dem Tod Münters 1962 wurde per Nachlass im Testament die Stiftung gegründet, die heute Träger und Verwalter des Münter-Hauses ist: Die Gabriele Münter und Johannes Eichner-Stiftung in München. Sie ist auch für die Sanierung des Hauses um 1998/99 verantwortlich und bewahrt den Willen Gabriele Münters, deren Wunsch es war, das Haus als Erinnerungsstätte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Das Münter-Haus ist definitiv einen Ausflug wert und für Kunstliebhaber ein Muss. Unser Tipp: Vom Alpenhof Murnau aus erreicht man das Münter-Haus in einer knappen Viertelstunde zu Fuß und kann eine Führung oder Besichtigung des Hauses wunderbar mit einem Aufenthalt bei uns verbinden. Alle Infos rund um das Münter-Haus hier:

Das Münter-Haus in Murnau
Kottmüllerallee 6
82418 Murnau
Telefon: 08841/ 62 88 80
Fax: 08841/ 62 88 81

täglich geöffnet (außer montags) von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr
Das Haus ist an allen Feiertagen (außer am 24.12. und am 31.12.) geöffnet, auch wenn sie auf einen Montag fallen.
Vor dem Münter-Haus ist kein Parkplatz vorhanden.
Bahnverbindung München-Murnau stündlich

Eintrittspreis
3,00 Euro für Personen über 25 Jahre

Sonderöffnungen: 40,00 Euro
Sonderöffnungen mit Führung: 78,00 Euro
Führungen sind nur vormittags, außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.