Schloss Linderhof: Der dritte Streich des König Ludwig II.

Schloss Linderhof

Ein Märchenschloss für den Märchenkönig: So könnte man das Schloss Linderhof wohl gut beschreiben. Als drittes Bauwerk des Königs Ludwig II. gehört es neben dem bekannten Schloss Neuschwanstein, dem Königshaus am Schachen und dem Schloss Herrenchiemsee zu den eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten in Bayern. Wir sind vom Alpenhof Murnau aus auf den Spuren des Königs gewandelt und haben uns das Schloss einmal genauer angesehen.

Wenn König Ludwig II. eines hatte, dann war es Fantasie. Mit seinen vielfältigen Bauvorhaben bewies er nicht nur Ideenreichtum, sondern auch kosmopolitische Weltoffenheit, verband er in seinen Bauwerken doch architektonische Einflüsse aus Schlössern der ganzen Welt. Besonders Frankreich hatte es ihm aufgrund von familiären Verwandtschaftsverhältnissen angetan: Die erste Bauplanung des Schloss Linderhof von 1868 sah eine Nachbildung des Versailles-Schlosses vor. Diese Vision ließ sich so nicht umsetzen, weshalb er im darauffolgenden Jahr zunächst das Försterhäuschen seines Vaters, König Maximilian II., zu einem Königshaus umbauen ließ.

Aus Försterhaus wird Königshaus

Wiederum ein Jahr später, um 1870, gingen die Bauarbeiten erneut los und sollten mehrere Jahre andauern. Zuerst wurde ein östlicher Anbau an das Königshäuschen errichtet, in dem sich bis heute das blaue Kabinett, das rosa Kabinett und das ovale Speisezimmer befinden; wobei letzteres von den beiden Kabinetts umrahmt wird. Dem identischen Aufbau folgte der 1871 errichtete Westflügel, welcher das lila Kabinett, das Audienzzimmer und das gelbe Kabinett beherbergt. Beide Flügel wurden durch ein pompöses Schlafzimmer auf der Nordseite miteinander verbunden. Für den Südtrakt musste das Königshäuschen, aus dem ursprünglich alles entstanden war, abgerissen und ca. 300 Meter weiter wieder aufgerichtet werden. Auf der Südseite entstanden schließlich das westliche und östliche Gobelinzimmer sowie ein imposanter Spiegelsaal. Im Inneren des Gebäudes wurde das Vestibül somit eingeschlossen.

Frontseite des Schloss Linderhof mit Wasserbecken

Wer einen Rundgang durch das Schloss unternimmt, beginnt genau hier, im Vestibül. Mittig im Raum steht eine Statue von König Ludwig XIV. von Frankreich. Die Wände zieren Säulen aus rotem Marmor und an der Decke fällt dem Betrachter sofort eine symbolische Darstellung der Sonne ins Auge, die durch ihre goldenen Strahlen und Engelsgestalten besonders hervorsticht. Weiter geht die Besichtigungstour im Uhrzeigersinn im westlichen Gobelinzimmer, das synchron zum östlichen Gobelinzimmer angelegt wurde. Die beiden Räume sind mit pompöser Wandverkleidung, Gemälden und schweren Einrichtungsgegenständen wie Kerzenständern und Kronleuchtern bestückt. Die Besonderheit der Zimmer besteht in ihren Gemälden: Insbesondere die Decken zeigen Szenarien aus der Mythologie, die als Allegorien für den Abend (im Westen) und den Morgen (im Osten) gelten.

Glanz und Gloria im Schloss Linderhof

Die Opulenz der beiden Zimmer setzt sich auch in den übrigen Räumen des Schloss Linderhof fort. Die „bunten“ Kabinette, welche sich an den Eckpunkten des Gebäudes befinden, fangen den Blick des Betrachters in erster Linie durch ihre ungewöhnliche halbrunde Form. Diese hängt damit zusammen, dass sowohl im West- als auch im Ostflügel die ovalgeformten Audienz- und Speisezimmer umrahmt werden. Die Namensgebung der Kabinette ist bezeichnend für ihre Gestaltung: Im gelben Kabinett befinden sich neben gelben Wandbespannungen und Silberornamenten auch Darstellungen der vier Erdteile, der vier Elemente und der Tierkreiszeichen. Das lila Zimmer sollte durch seine stimmungsvolle Farbgebung vorbereitend auf das Schlafzimmer wirken; das rosa Kabinett diente als Ankleideraum des Königs. Das letzte, blaue Kabinett hatte schlicht und einfach die Lieblingsfarbe des Königs – ebenso wie sein Schlafzimmer.

Dieses wurde um 1885, rund 11 Jahre nach Beendigung der letzten Bauarbeiten am Schloss Linderhof, noch einmal vergrößert. Dabei ist es an Üppigkeit kaum zu übertreffen: Das dunkelblaue Bett mit Baldachin steht durch eine vergoldete Balustrade vom Rest des Zimmers getrennt. In feinster Stickarbeit wurde das Wappen des Königs mehrfarbig auf die Stoffbahnen des Bettes angebracht; über dem Baldachin thronen goldene Engel, die das bayerische Wappen auf Händen tragen. Die Decke wurde als blauer, von bauschigen Wolken überzogener Himmel gemalt – und sogar für Besucher ist es bei diesem Anblick ein Leichtes, ins Träumen zu geraten.

Aus einem Traum wird Wirklichkeit – oder umgekehrt?

Kein Wunder, war König Ludwig II. doch als Träumer bekannt, der sich gern in Fantasien fernab vom Alltag flüchtete und seinen Hang zu Poesie und Idealismus in einer alternativen, imaginären Königs-Herrschaft auslebte. So pflegte er etwa, im Speisezimmer den Tisch für mehrere Personen aufdecken zu lassen, obwohl er alleine aß. Dazu musste er nur einen Hebel betätigen, der den Tisch in das Untergeschoss zur Küche herab ließ. Bestückt mit kulinarischen Delikatessen und mehreren Gedecken wurde der Tisch anschließend wieder nach oben befördert – Tischlein-deck-dich funktionierte hier genauso wie im Märchen. Einzig und allein das Audienzzimmer, welches baugleich mit dem Speisezimmer war, hätte als Raum für mehr Gesellschaft dienen können – wäre es nicht so klein gewesen. Größere Gefolgschaften ließen sich hier nur schwer in Empfang nehmen, sodass der Raum schon bald zum Arbeitszimmer von König Ludwig II. wurde.

Kein Schloss ohne Schlosspark

Rückseite des Schloss Linderhof und Schlosspark

Ebenso märchenhaft wie das Schloss Linderhof ist auch der es umgebende Park, der durch den Hofgärtendirektor Carl von Effner angelegt wurde. Vor dem Spiegelsaal im Südtrakt befindet sich das große Wasserbecken mit 25 Meter hoher Fontäne. Auch auf der Nordseite finden Besucher Wasserspiele in Form einer Kaskade, bei der Wasser über edle Marmorstufen herunter fließt. Drei Terrassengärten, ein Rundtempel sowie der Neptunbrunnen und ein Musikpavillon vervollständigen die weitläufige Gartenanlage des Schlosses, das an einen idyllischen Bergwald grenzt. 1880 wurde der Garten, der in sich Einflüsse aus dem Barock und der Renaissance vereint, fertiggestellt und gilt bis zum heutigen Tag als ein Musterbeispiel für die Gärten des Historismus.

Der Rundgang durch das Schloss und den Park Linderhof lässt Besucher – so auch uns – nicht selten staunend zurück. Es ist nicht anders zu beschreiben als das Eintauchen in eine fast schon surreale, wunderschöne Traumwelt: Der Prunk, die feinen Details und die faszinierende Geschichte des Königs sind sehens- und hörenswert und gehören unserer Meinung nach zu Recht zu den Top-Sehenswürdigkeiten der Region. Gegen kleines Geld wird der Eintritt in dieses außergewöhnliche Märchenschloss gewährt und bewegt, genau wie König Ludwig II., sicherlich den ein oder anderen zum Träumen.